Schafschur ist kein optionaler Wellness-Termin – sie ist Pflicht. Wollschafe, die nicht geschoren werden, leiden: Überhitzung, Parasitenbefall, eingewachsene Wolle und Bewegungseinschränkungen sind die Folgen. Wann geschoren wird, wie es geht und welches Werkzeug taugt, zeigt dieser Ratgeber.
Warum muss ich scheren?
Wollschafe (also alle Rassen, die keine Selbstschurer sind) produzieren kontinuierlich Wolle – anders als Wildtiere haaren sie nicht. Ohne Schur:
- Überhitzung im Sommer, besonders bei trächtigen oder laktierenden Tieren
- Fliegenmadenbefall (Myiasis): Fliegeneier in verfilzter, feuchter Wolle – lebensbedrohlich
- Parasitenbefall schwerer erkennbar (Milben, Läuse)
- Verfilzung und Verkotung im Hinterteil (Daggingproblem)
- Schlechtere Körperkonditionsbeurteilung – du siehst nicht, wie das Tier wirklich aussieht
Selbstschurer wie Soay, Heidschnucken oder Kamerunschafe haaren von allein – hier ist Schur nicht immer nötig, aber manchmal sinnvoll (abwarten und beobachten).
Wann scheren?
In Deutschland: typischerweise April bis Juni. Faustregel: scheren, wenn keine Nachtfröste mehr zu erwarten sind. Bei Frühschur (Februar/März für Frühlammungen) muss danach für Schutz gesorgt werden.
- Hauptschur: Mai/Juni – nach den Eisheiligen, vor den Fliegenphasen
- Vorschur: Februar/März – für Mutterschafe kurz vor dem Ablammen (bessere Übersicht, leichtere Geburtshilfe)
- Herbstschur: Nur bei sehr langen Wolle-Wachstumsrassen oder bei spät geborenen Lämmern
Nie bei nassem Vlies scheren – Wolle muss trocken sein, sonst rostet das Werkzeug, verklummt die Wolle und das Tier erkältet sich leichter.
Selbst scheren oder Scherer buchen?
Beide Wege haben ihre Berechtigung:
- Professioneller Scherer: Schnell, sauber, schafschonend – ein guter Scherer schert ein Schaf in 2–4 Minuten. Kosten: 3–8 € pro Tier je nach Region und Anfahrt. Für kleine Herden und Einsteiger oft die beste Wahl
- Selbst scheren: Lernbar, spart langfristig Kosten, baut Wissen auf – aber: erfordert gutes Werkzeug, Übung und Zeit. Mit Schere (Handschur) bei kleinen Herden machbar; mit elektrischer Schermaschine effizienter
Tipp: Einen erfahrenen Scherer beim ersten Mal begleiten und zuschauen – besser als jeder Ratgeber.
Werkzeug für die Selbstschur
- Handscherschere: Für kleine Herden (bis ca. 5 Tiere) ausreichend; günstiger Einstieg; Marken: Hauptner, Lister, Heiniger
- Elektrische Schermaschine: Ab ca. 10 Tieren sinnvoll; Modelle: Lister Star, Heiniger Xtra, Liveryman Black; Preise ab ca. 150 € (einfach) bis 800 € (Profi)
- Kämme und Schermesser: Regelmäßig wechseln – stumpfes Werkzeug reißt und schmerzt
- Schertisch oder Scherwolle: Saubere, rutschfeste Unterlage; Wolle nicht auf dem Boden scheren (Verschmutzung)
- Verbandsmaterial: Schnittwunden passieren – Jodtinktur oder Oxytetracyclin-Spray bereithalten
Ablauf der Schur
Das Schaf wird fixiert – traditionell auf dem Hinterteil sitzend, der Scherer kniet darüber. Grobe Reihenfolge:
- Bauch und Brust freischeren (Erstwolle – oft verschmutzt, getrennt lagern)
- Innenseite der Hinterbeine und Euter/Hodensack
- Linke Seite von vorne nach hinten
- Rücken und Nacken
- Rechte Seite
- Kopf und Ohren zuletzt
Das Vlies möglichst in einem Stück ablegen, ausbreiten und aufrollen – so bleibt es für die Weiterverarbeitung sauber.
Nach der Schur
- Schnittwunden sofort versorgen
- Tiere mindestens eine Nacht in einem trockenen, windgeschützten Stall lassen – frisch geschorene Schafe sind kälteempfindlich
- Wolle sortieren: gute Vlieswolle vs. Schmutzwolle (Bauch, Füße) trennen
- Wolle trocknen lassen, dann lagern – in Säcken, trocken, dunkel
Was tun mit der Wolle?
Ehrlich gesagt: Die Vermarktung von Schurwolle ist in Deutschland wirtschaftlich schwierig. Der Wollpreis deckt oft nicht mal die Scherkosten. Möglichkeiten:
- Wollankauf über die Deutsche Wolle GmbH oder regionale Wollsammelstellen
- Direktvermarktung an Handspinner, Filzer, Hobbyweber (Onlinemarktplätze, Märkte)
- Selbst spinnen/filzen
- Als Mulch im Garten oder Dünger im Kompost (Stickstofflieferant)
Mein Fazit
Scheren ist lernbar – aber ich empfehle jedem Einsteiger, es mindestens einmal einem Profi über die Schulter zu schauen, bevor man selbst loslegt. Wer schon nach dem zweiten oder dritten Tier einen Rhythmus findet, merkt: Es ist körperlich anstrengend, aber befriedigend. Und das Schaf bedankt sich auf seine Art – es springt danach deutlich agiler über die Weide.